Archiv für den Monat Februar 2014

Fujitsu bietet Milliarden für IBM Serversparte aber spart massiv bei eigener Belegschaft

Nahezu unbeachtet von der deutschen Presse (Computerwoche, Spiegel) hat neben Lenovo und Dell auch Fujitsu für die X86 Serversparte von IBM geboten. So jedenfalls ist es in der englischsprachigen Presse zu lesen.

Ein Leser unseres Blogs machte uns auf diesen Artikel auf bloomberg.com aufmerksam:
Hier wird berichtet, dass Fujitsu sogar ein höheres Angebot abgab als die 2,3 Milliarden Dollar von Lenovo.
Geld ist bei Fujitsu also genügend vorhanden!

Interessant für die Fujitsu Belegschaft ist:

Das Milliarden Dollar Angebot von Fujitsu erfolgte während des Massenentlassungsprogramms JUPITER !

Wir erinnern uns:
Die JUPITER-Programmziele sind:

  • jährliche Einsparungen von 120 Millionen Euro durch Massenentlassungen von 1500 FTE ( Fulltime Equivalent, also Vollzeitstellen), davon allein fast 1000 in Deutschland (etwa 20% der deutschen Belegschaft !)
  • jährliche Einsparungen von 20 Millionen Euro durch Reduzierung der Sachkosten
  • jährliche Einsparungen von 10 Millionen Euro durch Prozess- und IT-Neuausrichtung

Um auch bei den Massenentlassungen selbst noch sparen zu können, setzt Fujitsu den Betriebsrat massiv unter Druck (wir würden das Erpressung und eine strafbare Störung des Betriebsrat nennen):
Der Betriebsrat muss einen bereits bestehenden Sozialplan durch einen für Fujitsu billigeren Sozialplan ersetzen.
Wir haben darüber ausführlich zum Beispiel hier und hier in unserem Blog berichtet.

Pikant ist:
Der massive Druck durch Fujitsu auf den Betriebsrat wird mit:

„Verschärfende Einflussfaktoren
	- Keine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage des Unternehmens durch 
	  weiterhin schlechte Geschäftsentwicklung im April/Mai 2013“

begründet.

Etwa zur gleichen Zeit erfolgte das Milliarden Dollar teure Angebot von Fujitsu an IBM (laut Pressebericht)!

Nach dem BetrVG hätte der Betriebsrat über die wirtschaftliche Situation des Unternehmens voll informiert sein müssen, denn der §106 verlangt:

(2) Der Unternehmer hat den Wirtschaftsausschuss rechtzeitig und umfassend über 
    die wirtschaftlichen Angelegenheiten des Unternehmens unter Vorlage der 
    erforderlichen Unterlagen zu unterrichten, …
…
3) Zu den wirtschaftlichen Angelegenheiten im Sinne dieser Vorschrift gehören 
   insbesondere 
1. die wirtschaftliche und finanzielle Lage des Unternehmens;

Wenn Fujitsu in der finanziellen Lage ist, ein Angebot von über 2,3 Milliarden Dollar zu machen:
Warum wusste unser Betriebsrat nichts davon?

Zur Reduzierung der Sachkosten berichtet die Belegschaft über folgende Sparmaßnahmen seitens Fujitsu:

  • Reduzierung der Flächenkosten:
    Die Schaffung von Arbeitsplätzen in billigen Großraumbüros und das Desk-Sharing werden weiter intensiviert. Warum soll auch jeder Mitarbeiter seinen eigenen festen Arbeitsplatz haben?
    In München wurde der Mietvertrag für das Bürogebäude in der Domagkstrasse nicht verlängert. Für 400 Mitarbeiter wurden kurzfristig 6 Stockwerke im High-Light-Tower frei geräumt durch Verdichtungsumzüge innerhalb des Towers. Klagen der Belegschaft wegen noch schlechterer Arbeitsbedingungen als bereits zuvor werden weder von der Betriebsleitung noch vom Betriebsrat beachtet, berichten Mitarbeiter.
    Spart Fujitsu Kosten durch Gefährdung der Gesundheit der Belegschaft?
    Berichte von Betriebsräten über einen wachsenden Krankenstand und verschiedene Berichte im Internet wie zum Beispiel beim Spiegel bei der Zeit auf ergo-online oder zeitblueten sprechen dafür.
  • Einstellung der professionellen Blumenpflege in den Büros:
    Die Geschäftsführung beschließt, dass die Belegschaft sich selbst darum kümmern muss.
  • Bei Besprechungen (auch mit Gästen und Geschäftspartnern) wird nur noch Kaffee und Leitungswasser angeboten, keine Flaschengetränke.
  • Auch beim Strom heißt es: Sparen, koste es was es wolle!
    Es wird von Stromsparwettbewerben berichtet mit Preisverleihung und der aktuelle Stromverbrauch kann im Intranet betrachtet werden.
    Der Betrieb von Klimaanlagen wird „optimiert“.
    Die Deckenbeleuchtung in den Büros wird mehrmals während der Arbeitszeit ausgeschaltet (wer das Licht braucht, darf es aber wieder einschalten!).
    Auch wird von der Rationierung des warmen Wassers an den Handwaschbecken der Toilettenanlagen berichtet.
    Arbeitskreise werden eingerichtet um zu entscheiden, welche Server an Betriebsschließungstagen ausgeschaltet werden dürfen und welche nicht; anschließend wird stolz über die gesparten Peanuts berichtet.
    Energie-Manager werden ernannt und mit dem Energie-Team wird über weitere Spar-Orgien nachgedacht.
    Energieratgeber werden erstellt und an die Belegschaft verteilt.
    Gesamtmotto: Was brauchen wir noch Kunden, wir können uns viel besser mit uns selber beschäftigen!
    Der Ideenreichtum einiger selbstherrlicher Betriebsleiter scheint grenzenlos zu sein.
  • Die Belegschaft wird bedrängt, ihren Urlaub innerhalb des laufenden Kalenderjahres zu nehmen. Die Planung dafür soll bereits bis Ende Juni erfolgt sein und das muss auch von den Vorgesetzten kontrolliert werden. So will man Rückstellungskosten sparen.
    Das laut Tarifvertrag der Urlaubsanspruch aber erst am 31.3. des Folgejahres verfällt scheint Fujitsu nicht zu interessieren.
  • Zwangsurlaub: Über Weihnachten und Neujahr werden die Betriebe für 2 Wochen geschlossen, die Belegschaft muss für diese Zeit Urlaub nehmen oder Gleitzeitguthaben aufbrauchen.

Auf einer Betriebsversammlung im Oktober 2013 fordert der Betriebsrat daher richtig:

  • Schluss mit Personalabbau!
  • Keine betriebsbedingten Kündigungen!
  • Keine erzwungenen Standortwechsel oder sonstigen Drangsalierungen von Mitarbeitern!
  • Schluss mit der Kakophonie durch sinnlose Spar-Orgien bei Kalt-, Warmgetränken, Catering bei Meetings, Blumenpflege mit homöophatischen Kosteneffekten
  • Verhindern von Überlastungen durch Arbeitsverdichtung
    Lernen aus den Burn-Out-Vorfällen der Vergangenheit
  • Kosten sparen durch Motivation:
    Gallup-Studie 2012: Einem Unternehmen mit 1000 Mitarbeitern entstehen durch Demotivation jährliche Mehrkosten von etwa 307000 Euro. Das sind bei FTS ca. 1,5 Millionen Euro

Nur, liebe Betriebsräte, ist es sinnlos, auf Betriebsversammlungen selbstbewusst Forderungen aufzustellen, aber dennoch alles zu unterschreiben was der Arbeitgeber euch vorlegt.

Demotivation der Belegschaft zeigt sich auch in Mitarbeiterbefragungen:

Dieser auch bereits vor dem Start des Massenentlassungsprogramms JUPITER vorherrschende Sparwille des Fujitsu Managements an der Belegschaft, zeigt sich auch am Ergebnis der jährlichen Mitarbeiterbefragungen, zuletzt der von 2013 in CEMEA&I.
Hier einige Ergebnisse aus dieser Mitarbeiterbefragung:

  • Der Aussage:“There are no significant barriers at work to doing my job well“ können nur 57% der Belegschaft zustimmen. Nicht jeder kann und mag in Großraumbüros arbeiten.
  • Der Aussage:“Conditions in my job allow me to be about as productive as I can be“ können nur 52% der Belegschaft zustimmen. Liegt das nur an den Großraumbüros oder auch an selbstherrlichen Vorgesetzten und arroganten Managern?
  • Der Aussage:“I have good opportunities for learning and development“ können nur 39% der Belegschaft zustimmen. Wer kennt nicht die Diskussionen mit seinen Vorgesetzten, ob die Anschaffung eines bestimmten Fachbuchs oder der Besuch eines Weiterbildungskurs auch wirklich notwendig sind?
  • Der Aussage:“The better my performance, the better my pay will be“ können nur 16% der Belegschaft zustimmen. Das spricht nicht für einen wirklichen Fachkräftemangel in Deutschland, denn sonst würde eine Belegschaft sich das nicht bieten lassen und kündigen. Hier nutzt Fujitsu schamlos den Zustand aus, dass die Belegschaft überaltert ist (Altersdurchschnitt ca. 50 Jahre) und auf dem Arbeitsmarkt keine Chance mehr hat.
  • Der Aussage:“I have the resources (i.e., tools and IT equipment) I need to do my job effectively“ können nur 68% der Belegschaft zustimmen. Und das bei einem IT-Unternehmen, das selbst IT Equipment herstellt und verkauft: ein drittel der Belegschaft bekommt nicht die Arbeitsmittel die sie braucht!
  • Der Aussage:“I get back a fair return (financial rewards, job satisfaction, etc.) for what I give (effort, performance) at work“ können nur 46% der Belegschaft zustimmen.
  • Der Aussage:“I receive the training I need to do my job well“ können nur 45% der Belegschaft zustimmen.
  • Der Aussage:“Things have changed in a positive way in the last 12 months“ können nur 15% der Belegschaft zustimmen. Trotz bereits schlechter Umfragewerte der letzten Jahre ändert sich fast nichts. Mitarbeiterbefragungen bei Fujitsu also als Selbstzweck und reines Stimmungsbarometer für das Management?

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wo wird in eurem Betrieb sonst noch gespart und was haltet ihr von den Sparmaßnahmen?

Schreibt uns und wir werden darüber weiter berichten!

Oder noch besser: schreibt keine „private Nachricht an den Author“ sondern antwortet direkt in dem dafür vorgesehenen Feld „öffentlichen Kommentar verfassen“ hinter jedem Beitrag ganz unten im Blog. Andere sehen dann was ihr schreibt und können darauf antworten.

Oder ihr diskutiert in unserem Diskussionsforum auf www.netzwerkit.de/projekte/fts/foren mit anderen aus der Belegschaft.

Ihr könnt auch einen eigenen Blogbeitrag veröffentlichen, entweder auf:
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oder ihr schickt uns den Beitrag als private Nachricht und wir stellen den Beitrag auf Anforderung von euch dann in diesen Blog.

Bitte beteiligt euch, nur durch Einbeziehung der Öffentlichkeit haben wir eine Chance, nicht weiter als „Human Resource“ bei FUJITSU behandelt zu werden sondern als Menschen.

Bedenkt bitte: Auch ihr selbst könntet durch das nächste Entlassungsprogramm betroffen sein, es wird nicht immer nur die anderen treffen!